Osteopathische Imagination (OI)

Osteopathische Imagination (OI)  © Dr. Hartwig Liedtke

ein Weg zur osteopathischen Selbstbehandlung

In der Osteopathie wird über das Berühren und Manipulieren des Patienten Einfluss auf dessen Verknüpfungen mit dem zentralen Nervensystem genommen, um zu lindern oder sogar zu heilen. Unbestritten ist die Wirkung des osteopathischen Vorgehens auf die entsprechenden Repräsentanzen/Zentren im Cortex- oder Großhirn. Andererseits ist es möglich, nur mit der Kraft der Gedanken periphere Körperregionen anzusprechen und zu beeinflussen. ‚Das Gehirn ist auf das engste mit dem Körper verbunden‘ (Gerald Hüther, 2014). In zahlreichen Experimenten und Fällen wurde das bestätigt.
Die Osteopathische Imagination (OI) beschreibt ein Verfahren, wie der Laie/Patient/Osteopath sich selbst nur mit Hilfe seiner Gedanken therapieren kann.
Osteopathische Imagination ist vergleichbar mit einer Meditationsübung. Lassen Sie sich auf dieses Abenteuer ein, bei dem man nur gewinnen kann! Es macht Spaß! Sie werden verblüfft sein, wozu Ihr Geist in der Lage ist.
Nur Mut! Sie können nichts verkehrt machen. Schlimmstenfalls erleben Sie keine Linderung der Beschwerden, dafür aber werden sie gut schlafen.

Therapeutisches Vorgehen:
Suchen Sie sich einen bequemen Platz (Sessel, Bett) und nehmen Sie sich mindestens 20 Minuten Zeit. Schließen Sie die Augen. Ihre Hände und Arme liegen neben Ihrem Körper.
Jetzt stellen Sie sich zwei wichtige Fragen:
 
1. Wo befindet sich das Gewebe mit der größten Spannung?
2. Wo habe ich die meisten Schmerzen?

Entscheiden Sie sich für das Körperteil, das Ihnen den größten Kummer bereitet.
Gegenüber einem ausgebildeten Osteopathen haben Sie den Vorteil, dass Sie wissen, wo die Beschwerden sind, oder spüren, wo sich der Ort der höchsten Spannung befindet. Sie konzentrieren sich sodann auf diesen Gewebekomplex und versuchen ihn ausschließlich Kraft Ihrer Gedanken mit beiden Händen fest zu umschließen.  Das fordert höchste Konzentration und ist sehr anstrengend.

Ab hier gibt es zwei Behandlungsalternativen:
 

1. Hat das Gewebe eine minimale Bewegungstendenz, will es irgendwo hin?
Wenn ja, dann bewegen Sie Ihre gedachten (visualisierten) Hände samt umschlossenem Körperteil nur andeutungsweise in die Richtung, in die das Gewebe gerne möchte. Alle Bewegungen (schieben, ziehen, drehen) und Richtungen (links, rechts, rauf, runter, hin, her) sind erlaubt. Hören Sie auf das Gewebe; es sagt Ihnen, wohin die Reise geht.
Die Geschwindigkeit der Bewegung gibt das Gewebe vor. Lassen Sie sich Zeit. Die Bewegungstendenz darf und soll minimal akzentuiert, beziehungsweise verstärkt werden. Wichtig: Weniger ist mehr. Konzentration! Kommt das Gewebe irgendwann scheinbar zur Ruhe - das wäre ein sehr gutes Zeichen: Der sog. Still Point (oder auch: Point of Balanced Tension – PBT) - , halten Sie inne und warten Sie ab. Nicht los- oder nachlassen. Die Eigenbewegung des Gewebes kehrt nach wenigen Minuten, oft aber schon früher wieder zurück. Haben Sie diese Selbstbehandlungsphase erreicht, sind Sie gut!

2. Sollten Sie keine Bewegungstendenz des betroffenen Gewebekomplexes erfühlen,
dann schieben oder drehen Sie diesen Bereich mit Ihren imaginierten Händen in die Richtung, in der es zu einer Entspannung oder Linderung der Beschwerden kommt. Probieren Sie es aus. Es gibt immer eine Position, die Ihnen etwas Erleichterung verschafft. Dort halten Sie das Gewebe so lange, bis Sie eine Schmerz- oder Spannungsminderung spüren. Konzentration. Es ist anstrengend. Gedanken wollen abschweifen. Kehren Sie zu Ihrer Aufgabe zurück!

Beide Behandlungsalternativen können mehrmals wiederholt werden.
Die Dauer eines Selbstbehandlungszyklus kann von wenigen Minuten bis zu 15 und mehr Minuten dauern.
Dank Ihrer Vorstellungskraft können Ihre Hände jedes Körperteil umfassen, unabhängig von anatomischer Größe und Lokalisation. Je nach Bedarf können Ihre Hände groß oder winzig sein. Auch kann das zu behandelnde Gewebeteil reale anatomische Grenzen sprengen.
Manchmal erleichtert es die Selbstbehandlung, wenn man sich den Gewebekomplex  vergrößert vorstellt oder verkleinert und schrumpft. Experimentieren Sie.
Es existieren keine physikalischen Grenzen. Körperteile können so verschoben oder verbogen werden, wie es in der Realität gar nicht möglich wäre. Manchmal sind ganz abstruse Stellungen oder Verrenkungen nötig, um die Position einer Beschwerdeminderung oder -freiheit zu erreichen.